Sprachkritischer Jahresrückblick

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Sprache ist nicht starr, sie befindet sich im Wandel – stets und ständig. Als dynamisches, veränderliches System passt sie sich Zweckmäßigkeit an, steht unter evolutionärem Einfluss und unterliegt innovativen Kräften.

Sprache ist ein Werkzeug, das sich seinen Sprechern – uns – und deren Lebenskontext fügt. Die täglichen Veränderungen in unserem Leben wirken unweigerlich auf unser Sprachsystem ein.

Was hat uns 2021 bewegt? Eine neue Regierung in Deutschland, Corona-Chaos zwischen Virenmutationen und Lockerungen, Extremwetter und Flutkatastrophe, ein missglückter Nato-Abzug aus Afghanistan… Wort und Unwort des Jahres, Jugendwort oder Floskel des Jahres treffen den sprachlichen Nerv der Zeit und stellen auf diese Weise einen besonderen Beitrag zur Zeitgeschichte dar.

Das Unwort des Jahres 2021 – „Pushback“

Sprachliche Ausdrücke werden dadurch zu Unwörtern, dass sie von Sprecher:innen entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen vor allem im öffentlichen Kontext verwendet werden. Die Reflexion und Kritik des Gebrauchs von Unwörtern zielt dabei auf die Sensibilisierung für diskriminierende, stigmatisierende, euphemisierende, irreführende oder menschenunwürdige Sprachgebräuche und auf die Verantwortlichkeit der Sprecher:innen im Hinblick auf sprachliches Handeln.

Mit dem aus dem Englischen stammenden Begriff „Pushback“ entschied sich die Jury der sprachkritischen Aktion für ein Wort, das aus dem Bereich der Migrationspolitik kommt und für das Zurückdrängen von Geflüchteten an den Grenzen steht. Mit dem Begriff werde ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt, begründete die aus Sprachwissenschaftler:innen bestehende Jury ihre Wahl.

Das Wort des Jahres 2021 – „Wellenbrecher“

Die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. wählt jedes Jahr ein Wort des Jahres, das das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben des Jahres sprachlich in besonderer Weise bestimmt hat. Für die Auswahl entscheidend ist nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität.

Der aus dem Küstenschutz und Schiffbau bekannte Begriff „Wellenbrecher“ bekam in der Pandemie eine neue Bedeutung. Er werde für Maßnahmen benutzt, die dem Schutz der Bevölkerung in der Corona-Pandemie angewendet werden, erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache ihre Entscheidung.

Das Jugendwort des Jahres 2021 – „Cringe“

Rund 1,2 Millionen Jugendliche kürten in einem Online-Voting erneut einen englischen Begriff zu ihrem Wort des Jahres. Der Ausdruck „cringe“ beschreibt das Gefühl tief empfundener Fremdscham und heißt wörtlich übersetzt „zusammenzucken“. Beim Versuch von Erwachsenen, cool zu wirken oder Jugendsprache zu verwenden, oder aber zur Bekundung von Unbehagen, um eine Situation als peinlich zu bezeichnen, werde „cringe“ in der deutschen Jugendsprache genutzt.

Der Langenscheidt-Verlag, der die Wahl seit 2008 organisiert, erklärte: „Der Begriff gehört zum aktiven Sprachgebrauch der Zehn- bis 20-Jährigen“. Das zeige sich nicht zuletzt daran, dass er bereits im vergangenen Jahr Platz zwei belegt hatte.

Floskel des Jahres 2021 – „Eigenverantwortung“

Sprachkritiker haben den Negativpreis an das Wort „Eigenverantwortung“ verliehen. Seit 2014 macht das sprach- und medienkritische Projekt Floskelwolke auf Floskeln, Phrasen und weitere fragwürdige Formulierungen in deutschsprachigen Nachrichtentexten aufmerksam. Die Jury begründete ihre Wahl: „Ein legitimer Begriff von hoher gesellschaftlicher Bedeutung wird ausgehöhlt und endet als Schlagwort von politisch Verantwortlichen, die der Pandemie inkonsequent entgegenwirken. Fehlgedeutet als Synonym für soziale Verantwortung und gekapert von Impfgegnerinnen und Impfgegnern als Rechtfertigung für Egoismus.“